Schneckenbuntbarsche aus dem Tanganjikasee
Teil I: Neolamprologus multifasciatus
Text und Fotos: Alexander Maassen
Interessantes Brutverhalten
Die Buntbarsche aus dem Tanganjikasee erfreuen sich seit einigen Jahren großer Beliebtheit unter den Aquarianern. Nicht nur, dass viele Bewohner des Sees endemisch sind, also nur dort vorkommen, sie zeichnen sich auch durch eine Vielzahl an verschiedenen Fortpflanzungsstrategien aus. Das faszinierende Brutverhalten macht ihre im Vergleich zu den Barschen aus dem Malawisee weniger prächtige Färbung mehr als wett.
Besonderes Interesse ziehen dabei einige der kleinsten Barsche aus dem See auf sich. Sie haben sich eine ungewöhnliche ökologische Nische erschloßen - Schneckenhäuser. Aufgrund des sehr harten und alkalischen Wassers im See bleiben die Häuser toter Schnecken sehr lange erhalten und sammeln sich auf sandigen Flächen am Grund des Sees. Sie stellen Unterkunft und Versteck für die so genannten Scheckenbuntbarsche dar. Diese kleinen Gesellen brüten in den Häusern, schlafen teilweise darin und suchen sie zum Schutz vor Feinden auf. Die Tiere zeigen ein so interessantes Verhalten, dass sich nicht nur die Wissenschaft für sie interessiert, sondern sie teilweise auch im Schulunterricht eingesetzt werden. Einer der verbreiteteren Arten ist Neolamprologus multifasciatus (Boulanger, 1906), den ich in diesem Bericht näher vorstellen möchte.
Neolamprologus multifasciatus
Ein einsamer N. multifasciatus auf Wachposten über seinem Revier
N. multifasciatus ist recht häufig in den Zoohandlungen zu finden - teilweise auch unter dem nicht mehr gültigen Namen Lamprologus multifasciatus. Es handelt sich um einen recht klein bleibenden Barsch. Die kräftigeren und bulligeren Männchen werden bis 4 cm groß. Die Weibchen können laut Staeck (Staeck, 2003) etwas über 3 cm lang werden - meine Damen sind jedoch deutlich kleiner geblieben. Die Tiere weisen eine hell braune Grundfärbung auf, auf den Seiten ist ein markantes Streifenmuster aus schmalen helleren und dunkleren Streifen zu erkennen. Diese sind auch für die Namensgebung verantwortlich, denn multifasciatus bedeutet soviel wie "viel gestreift". Von den sehr ähnlichen Neolamprologus similis unterscheidet sich N. multifasciatus dadurch, dass die Streifen nicht auf den Kopfbereich vor der Rückenflosse ausgedehnt sind. Ferner sind im Gegensatz zu den N. multifasciatus bei N. similis die dunklen Streifen deutlich breiter als die hellen (Staeck, 2003).
Auch wenn er ein eher unscheinbar gefärbter Fisch ist, ist er definitiv einen genaueren Blick wert. Seine Augen leuchten förmlich in einem hellen Blau und je nach Lichteinfall weisen seine Flossen einen schwachen blälichen Schimmer auf. Teilweise schienen meine Tiere - wieder abhängig vom Lichteinfall, einen blauen oder gelben Flossensaum aufzuweisen. Die Tiere sind nicht so "schreiend" bunt wie die Nachbarn vom Malawisee oder manche Tiere aus dem Tanganjikasee, sondern eher von einer "leisen" Schönheit.
Beckeneinrichtung und Wasserwerte
Die Zähne zeigen es - mit den Kleinen ist nicht immer zu Spaßen
Will man sich mit diesen faszinierenden Tieren näher beschäftigen, so reicht bereits ein relativ kleines Becken. Ab einem 80er Becken kann man in die Welt der Schneckenbuntbarsche eintauchen, dann sollte es allerdings ein Artbecken sein. Nachteil der kleinen Becken ist jedoch, dass man sehr schnell gezwungen sein wird, sich nach einem Platz für den Nachwuchs umzusehen - wer Guppies gehalten hat, wird wissen was gemeint ist.
Als Bodengrund ist Sand absolute Pflicht - dazu später mehr. Ebenso sollte eine reichliche Kollektion an Schneckenhäusern vorhanden sein. Sehr gut geeignet sind die Gehäuse von Weinbergschnecken. Meine habe ich damals bei Ebay ersteigert (Achtung, nichts für empfindliche Nasen und Gemüter!), man kann sie aber auch von manchen Feinkostläden oder den Kunden dieser Läden bekommen oder auch im Aquaristikhandel kaufen. Dort sind sie gereinigt und geruchsneutral, aber haben auch einen recht stolzen Preis. Die Häuser sollten in kleinen Gruppen über den Bodengrund verteilt werden. Zwischen diesen Gruppen können Pflanzen, wie beispielsweise Javafarn, als Reviergrenzen sehr hilfreich sein. Auch Steine sollten auch nicht fehlen - als Reviergrenzen und gegebenenfalls auch Sichtschutz. Steine sollten jedoch immer direkt auf den Aquarienboden und nicht auf den Sand gestellt werden, und auch von Steinaufbauten würde ich persönlich abraten.
Als Steine sind Kalksteine bestens geeignet, die sonst in der Aquaristik wegen ihrer aufhärtenden Wirkung eher verpönt sind. Denn das Wasser sollte ohnehin recht hart sein - im See liegt die Gesamthärte bei 10-12° dGH und die Karbonathärte deutlich darüber, zwischen 15 und 18° dKH. Gegebenenfalls kann eine Filterung über Muschelgruß die Wasserwerte zusätzlich stabilisieren. Der pH-Wert sollte deutlich über 7, eher bei 8 oder etwas darüber liegen. Aquarianer, bei denen "Flüssigbeton" aus der Leitung kommt, sollten daher die Haltung von Tanganjikabarschen in Erwägung ziehen - die Tiere fühlen sich darin fast wie zuhause...
Geschuppte Maulwürfe
Ein Revier nach getaner Arbeit der geschuppten Maulwürfe
Bei der Beckeneinrichtung sollte man sich lieber gar nicht erst zu viel Mühe mit einer optisch möglichst ansprechenden Gestaltung machen. Alles was man tut, ist ausschliesslich als Vorschlag an die Bewohner des Beckens zu verstehen. Meiner Erfahrung nach haben diese jedoch meist sehr eigene Vorstellungen davon, wie ein optimales Revier für einen N. multifasciatus auszusehen hat.
Eine Eigenart der Tiere ist es, ihre Schneckenhäuser auf festen Grund zu legen. Sobald ein N. multifasciatus ein Schneckenhaus für geeignet hält, nimmt er vom Untergrund ein Maul voller Sand, trägt es mit dicken Backen (das ist wörtlich zu nehmen!) an den Rand seines künftigen Reviers und spuckt ihn da wieder aus. Unermüdlich geht dies so, bis das Schneckenhaus auf den Aquarienboden liegt. Dann wird die Umgebung sandfrei "gebaggert", bis seine Schneckenhäuser auf dem Aquarienboden liegen und sein Revier von einem hohen Sandwall umgeben ist - einschließlich der angrenzenden Pflanzen und Steine. Auch Steine werden unterwühlt - unter Umständen eine echte Gefahr für die Bodenscheibe! Steinaufbauten sollte man daher direkt lassen - sie sind zu gefährlich für das Aquarium und auch die Tiere. Wer damit nicht leben kann, sollte von der Haltung dieser Tiere lieber Abstand nehmen - es gibt noch andere Schneckenbuntbarsche, die nicht so "bauwütig" sind. Ein Beispiel dafür findet sich im zweiten Teil meiner kleinen Haltungsberichte.
Die Gründe führ das Verhalten sind - wie meistens in der Verhaltensbiologie - nicht genau geklärt. Im See liegen die Schneckenhäuser meist auf regelrechten Friedhöfen in dicken Haufen aufeinander. Es wird vermutet, dass durch die Graberei der Tiere nicht nur die Häuser selber, sondern auch die Zwischenräume unter den Häusern als Zufluchtsort zur Verfügung stehen.
Gesellige Tiere - zumindest untereinander
N. multifasciatus sollte immer zu mehreren Tieren gehalten werden - ist dies nicht der Fall, kümmeren sich die Tiere allerdings schnell selber darum, den Missstand zu beseitigen. Ein Männchen erobert sich auf die beschriebene Weise ein Revier und wacht dort über einen Harem von mehreren Weibchen. Diese stehen meist direkt am Eingang ihrer Schneckenhäuser oder sind mit der Beseitigung kleinerer Sandreste zugange. Dabei entfernen sie sich aber nie sehr weit von ihrem Haus. Ab und an will auch der ein oder andere Streit mit den den anderen Damen des Harems ausgefochten werden. Die Männchen stehen meist über ihrem Revier und halten Ausschau nach Konkurrenten oder sind mit der Sandentsorgung beschäftigt. Da sie ihn bevorzugt auf den Sandwall ihrer Reviergrenze entsorgen, rutscht immer wieder etwas zurück oder wird vom Konkurrenten im Nachbarrevier herübergespuckt. Hierbei kommt es auch immer wieder zu heftigen Drohungen und auch Kämpfen zwischen den Männchen.
Drohen und der Versuch, höher als der Gegner zu kommen
Die Kämpfe verlaufen alle nach einem ähnlichen Schema. Die Tiere stellen sich mit dem Kopf nach unten ins Wasser und drohen dem Konkurrenten mit abgespreizten Kiemen und weit geöffnetem Maul. Häufig wird der Körper dabei seitlich gebogen, so dass die Tiere von oben wie ein Komma aussehen. Jeder scheint zu versuchen, die Oberhand zu gewinnen - das ist wiedereinmal wörtlich zu nehmen, denn sie versuchen im Wasser oberhalb des Konkurrenten zu kommen. Hilft alles drohen nicht, so gehen sie mit weit geöffneten Maul auf die Seite des Gegners zu. Der wendet sich ab oder greift seinerseits an, so dass beide sich mit ineinander verbissenen Mäulern durch das Wasser winden. Sobald einer losläßt, zieht er zumindest kurzfristig den Rückzug an, bevor das Spiel unter Umständen wieder von vorne beginnt. Dies sieht sehr gefährlich aus, bisher habe ich jedoch keine ernsthaften Verletzungen bei den Tieren nach den Kämpfen erkennen können. Mitunter ist jedoch eine Umsortierung der Reviergrenzen hilfreich. Dies kann mit Steinen funktionieren, oft werden die aber einfach ins Revier integriert und rundherum freigebuddelt. Die besten Erfahrungen habe ich mit Javafarn gemacht, der einen guten Sichtschutz bildet und von den Tieren meist nicht umbuddelt wird.
Letzte Warnung, bevor es zum Maulkampf kommt
Trotz der häufigen, gefährlich aussehenden Kämpfe zwischen den Männchen geht es eigentlich recht gesellig zu in der Kolonie. Weibchen oder Jungtiere können mitten zwischen den Streithähnen durchschwimmen ohne auch nur zur Kenntnis genommen zu werden. Die Jungtiere bleiben in der Kolonie und helfen bei der Aufzucht des weiteren Nachwuchses. Dieser fällt überaus reichlich aus - eine kleine Gruppe kann schnell zu einer stattlichen Kolonie anwachsen. Ein Teil des Nachwuchses (junge Männchen?) wandern an den Rand der Kolonie, wo sie in Ermangelung von Schneckenhäusern auch schon mal Felsspalten oder Steine beziehen.
Ein Jungtier hat einen Stein am Revierrand bezogen
Nähert sich jedoch ein anderes Tier dem Revier, sind sofort alle Streitigkeiten vergessen. Alle Tiere helfen bei der Verteidigung der Kolonie. Die größten und stärksten Männchen bilden eine regelrechte Abwehrreihe, dahinter stehen die kleineren Tiere. Meist reicht dies schon, um andere Fische schnell auf einen Kurs weg von der Kolonie zu bringen, doch ich habe leider schon mal einen 12 cm großen Ancistrus mit aufgerissenem Bauch in ihrem Revier gefunden. Die Tiere sind also etwas mit Vorsicht zu genießen. Sie beanspruchen einen relativ hohes Wasservolumen oberhalb ihres Reviers für sich und gehen geschlossen auf Abfangkurs, wenn ihr "Luftraum" verletzt wird. Meine Cyprichromis und die meisten anderen Tiere haben dies schnell gelernt und außer dem Wels gab es keine Verluste durch die N. multifasciatus. Bei deutlich größeren "Tieren", wie der Hand des Pflegers, ergreifen die N. multifasciatus jedoch die Flucht. Die Weibchen verschwinden grundsätzlich in ihre Schneckenhäuser, die Männchen tauchen auch häufiger zwischen Pflanzen oder in Felsspalten ab.
Fazit
N. multifasciatus ist ein sehr interessanter kleiner Fisch mit vielen unterschiedlichen und faszinierenden Verhaltensweisen. Er kann auch in kleineren Aquarien gehalten werden, sofern man einen Weg findet, den unvermeidlichen Nachwuchs unterzubringen. Wer nicht darauf besteht, sein Aquarium am nächsten Morgen so wiederzufinden wie er es am Abend zuvor eingerichtet hat, kann durch die Beobachtung der Tiere viele spannende und lehrreiche Stunden verbringen...
Steckbrief
Größe:
Männchen werden bis 4 cm groß, Weibchen bleiben mindestens
1 cm kleiner.
Wasser
pH-Wert über 7, eher 8, ggf. Filterung über Muschelgruß; möglichst
hartes Wasser; Temperaturen zwischen 25 und 27°C.
Haltung
Bodenfisch, beansprucht aber auch einigen Platz über seinem Revier;
Bodengrund sollte Sand sein, mit Steinen und Pflanzen als Reviergrenzen.
Schneckenhäuser sollten reichlich angeboten werden. Die Anzahl der
Männchen sollte deutlich unter der der Weibchen liegen.
Verhalten:
Auch wenn es innerartlich gut zur Sache geht, habe ich keine ernsten
Verletzungen feststellen können. Das Revier wird auch in der
Höhe gut verteidigt, für andere Fische sollte daher genügend
Ausweichraum zur Verfügung stehen. Bildet schnell recht große
Kolonien, ist sehr grabefreudig.
Zucht
Die Art ist recht produktiv und die Vermehrung sehr einfach. Auch
wenn andere Barsche im Becken sind, kommen durch den Schutz der Kolonie
eigentlich immer einige Jungtiere durch - auf Dauer wohl mehr, als den
meisten lieb sein dürfte...
Futter
Zumindest meine Nachzucht-Tiere, die ich halte, nehmen die üblichen Futtersorten ohne Probleme; Futter möglichst abwechselungsreich -
Flocke, gefrorenes und Lebendfutter im Wechsel.
Literatur
Staeck, W. (2002): Vergleichende Beobachtungen an Schneckenbuntbarschen aus dem Tanganjikasee. Aquaristik Fachmagazin 168,4-13